Ordnung

„Ordnung ist das halbe Leben.“ Dieser Satz ist schnell daher gesagt, dabei hat diese Aussage viel mehr Tiefgang, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Ordnung der Mensch im Leben braucht. Ordnung ist die Grundlage für viele Bereiche des menschlichen Seins. Ordnung ist ein Puzzlestück, ein Teil eines Bildes und gleichzeitig Bindeglied des Gesamten.

Wie im Kapitel „Bewusstsein“ beschrieben, steuert das Gehirn das Denken und sucht ständig Lösungen für Probleme. Was sieht der Mensch als Problem an? Im Prinzip eine Unordnung. Das Gehirn arbeitet ständig, um eine Ordnung herzustellen. Ist der Mensch in einer Krise, besteht eine Unordnung an Emotionen, Erwartungen und Gedanken. Ein weiteres Beispiel: Liegt eine Unordnung bei der Nahrungsaufnahme vor, ein zu viel oder zu wenig, werden Sie krank. Dasselbe gilt auch für ein zu viel an Zucker oder Alkohol. Eine Unordnung in der Nahrungsaufnahme hat aber noch weitere Folgen. Menschen treffen abhängig von der Ernährung unterschiedliche Entscheidungen. Isst man zu viel, wird im Körper zu viel Serotonin produziert. Serotonin ist ein Botenstoff, der Menschen glücklich macht. Zu viel Serotonin hingegen ermüdet den Menschen. Bei einem hohen Serotonin-Spiegel findet er die Welt akzeptabel, so wie sie ist. Isst der Mensch zu wenig oder hungert, wird das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Der Mensch fühlt sich gestresst und unter Stress kommt es zu Überreaktionen. Ob der Mensch sich also wohlfühlt oder gestresst ist, kann auch von der Ernährung eines jeden Einzelnen abhängen. Ereignisse werden dadurch immer unterschiedlich und individuell gewertet. Auch die eigene Ausstrahlung hat auf unterschiedliche Gegenüber eine unterschiedliche Wirkung und genauso ist die jeweilige Reaktion auf diese Ausstrahlung immer anders.

Die körperliche Verfassung ist ein weiterer wichtiger Aspekt für die Entscheidungsfindung. Hat man beispielsweise einen vollen Magen, ist es klar, dass man sich in diesem Moment gegen ein sportliches Training entscheidet. Andersherum, wenn man zu wenig gegessen hat, ist man zu schwach und entscheidet sich gleichsam gegen ein Training. Langfristig entsteht dabei eine Unordnung, bei der sportliche Aktivitäten zu kurz kommen. Ein Teufelskreis entsteht (wie in der Kommunikation anhand von „Ursache und Wirkung“). Treibt man weniger Sport, werden weniger Glückshormone ausgeschüttet und auch weniger Kalorien verbrannt. Im sportlichen Wettbewerb mit anderen schneidet man auf Dauer schlechter ab. Die Folge: mehr Stresshormone und ein stärkeres Minderwertigkeitsgefühl. Das kann wiederum in eine höhere Nahrungsaufnahme mit zum Beispiel mehr Alkohol oder Schokolade resultieren.

Auch die Kultur und die kulturelle Geschichte sind ein entscheidender Faktor für die menschliche Ordnung. Menschen haben das Bedürfnis nach einer Ordnung des Seins, die über Sitten, Traditionen oder Rituale erreicht werden soll. Beispielsweise pilgern Männer in Kriegsbemalung, Kriegskleidung und Fahnen zu Kultstätten, um ihre Helden mit Kriegsgesängen zu unterstützen und zu feiern. In der heutigen Zeit erkennt man solche Rituale in Fußballstadien wieder. Auch beim Militär spielen Rituale und Traditionen eine große Rolle. Besonders in der französischen Fremdenlegion werden Traditionen und Rituale gelebt. Menschen bleiben diesen Strukturen auch nach dem Ausscheiden aus dem Militär verhaftet. Handlungen beim Militär unterliegen einer strengen Ordnung. Die Machtausübung, wer wem etwas zu sagen hat, ist klar definiert. Ähnlich ist es im Gefängnis: Wärter bestimmen über die Häftlinge. Bei diesen Beispielen sozialer Milieus werden die Grundordnungen und -strukturen menschlicher Gruppen (siehe Kapitel „Gruppen“) widergespiegelt. Der Unterschied liegt in der Intensität der gelebten Ordnungen und Strukturen. Leben Menschen lange in extremeren Strukturen wie beim Militär oder im Gefängnis, fällt es ihnen schwer, wieder eine eigene Ordnung aufzubauen und in eine Selbständigkeit zurückzukehren.

Wird dem Menschen seine Kultur genommen oder werden Kulturen zu sehr vermischt, kommt es laut Gustave Le Bons in seinem Buch „Psychologie der Massen“ zur kulturellen Barbarei. Dieser Zustand der kulturellen Unordnung hält solange an, bis sich eine neue Ordnung beziehungsweise Kultur entwickelt hat.

Der Mensch braucht Ordnung. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, seine eigene Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies ist im Wesen des Menschen begründet. Zum einen gibt es wahrhaftige Ordnung weder in der Wahrnehmung noch in der Kommunikation, was dem Menschen Angst machen kann. Zum anderen wird der Kopf oft vom Bauch überwältigt. Die Bauchgefühle sind immer ungeordnet, unlogisch, unvernünftig und unmoralisch. Der Mensch benötigt die Hilfe anderer Menschen, um seine eigene Ordnung aufrechtzuerhalten oder um eine Ordnung zu schaffen. Eine bekannte Disziplin, die Menschen hilft, eine Ordnung wiederherzustellen oder eine Ordnung aufzubauen, ist die Psychotherapie. Bei Psychotherapeuten wird über Gespräche eine Ordnung in Gedanken und im Handeln geschaffen. Auch manche Ärzte können eine Ordnung für Körper und Geist wiederherstellen. Sozialtherapeuten, Coaches, Trainer und viele weitere Berufe helfen Menschen bei der Konstitution von Ordnung. Wenn ein Mensch kurzfristig keine Ordnung besitzt oder die Ordnung nicht erkennt, ist dieser Mensch „durcheinander“ geraten. Dieses Durcheinander ist für andere Menschen sichtbar und das macht einen Menschen angreifbar. Geordnete Menschen haben eine Ordnung, in der Wichtigkeit und Unwichtigkeit sortiert sind, sie leben Rituale, Traditionen, Selbstdisziplin. Gelebte Disziplin wird zu Tugend und die Tugend ist die Leichtigkeit im Tun. Geordneter Aktivismus wird zur Kompetenz.